Stiftsarchiv zeigt Wiboradas Unterschrift
Unter den 38.000 Namen stechen «Vviberat» und «Rachilt» besonders hervor: Sie stehen in einem frei gebliebenen Raum zwischen Spalten mit den Namen der Mönche von Luxeuil. Wiborada, die laut Peter Erhart von ihrem Bruder Hitto das Lesen und Schreiben gelernt hatte, schrieb sich wohl ganz bewusst in die Nähe dieser Mönche, die eine enge Beziehung zu St. Gallen pflegten.
Warum es wahrscheinlich ist, dass Wiborada selbst unterschrieb
Es ist «eher ausgeschlossen», dass ein Mönch ihr diesen Platz zuwies oder für sie unterschrieb. «Dieser hätte kaum eine solche Leerstelle gesucht, sondern eher den Schluss der Liste». Damit hat das Stiftsarchiv St.Gallen die – vermutlich einzige – autographe Spur Wiboradas entdeckt und zeigt Wiboradas Unterschrift nun im Original im Rahmen der Ausstellung «Vviberat & Rachilt» vom 27. Februar bis 28. Mai 2026.Wie «Vviberat» zu «Wiborada» wurde
Nur ein paar Sekunden wird das Reichenauer Gedenkbuch jeweils beleuchtet, um die wertvollen Handschriften zu schützen. Wer Wiboradas Eintrag auf der rechten Buchseite (linke Spalte, unteres Drittel) entdecken will, muss schnell sein – und wundert sich vermutlich, statt «Wiborada» etwas zu lesen, das wie «Uuiberat» aussieht. «Vviberat», so ihr alemannischer Name, wurde erst später latinisiert zu «Wiborada». Und erst ab 920 begann man, das «u» als «v» darzustellen: Laut Peter Erhart ist der Beleg dafür, dass der Eintrag also vor 920 geschehen sein musste, als Wiborada noch nicht als Inklusin lebte und selbst auf die Insel Reichenau reisen konnte.
Rachilt: Magd, Gefährtin und geistige Tochter
Dass es sich um die St.Galler Heilige und nicht um irgendeine Wiborada handelt, belegt der Eintrag ihrer Begleiterin «Rachilt» direkt darunter. Wiboradas «Magd, treue Gefährtin und geistige Tochter» war wohl eine Jugendfreundin von Wiborada. Sie folgte ihr als Inklusin und liess sich im Jahr 920 ebenfalls in eine Zelle bei St.Mangen einschliessen, wo sie – mit Unterbrechung durch den Ungarneinfall im Jahr 926 – bis zu ihrem Tod 946 lebte. Ihr Neffe, Ekkehart I, schrieb die erste Heiligenvita über Wiborada und konnte dafür wohl auf Rachilts Erzählungen zurückgreifen.Für Peter Erhart ist Rachilt die eigentlich unentdeckte St. Galler Inklusin. Wie Wiborada und andere Reklusen wurde sie als geistliche Autorität anerkannt und verehrt. Dass sie nicht ebenfalls heiliggesprochen wurde, erklärt er sich so: «Gleich zwei Frauen heilig zu sprechen, hätte Papst Clemens II im Jahr 1047 wohl überfordert. Er war erst zwei Wochen im Amt», sagt er schmunzelnd.
Hitto: Bruder, Gefährte und Kustos
Neben Wiboradas Autograph zeigt das Stiftsarchiv noch eine zweite Neuentdeckung: Ein Eintrag von Wiborada gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Hitto im St.Galler «Buch des Lebens», verfasst von Hitto. «Hitto hat Wiborada von Anfang an begleitet», sagt Peter Erhart. Zwei Urkunden, die er vermutlich selbst geschrieben hat, zeigen, dass Hitto und damit auch Wiborada wohl aus dem Raum Jonschwil stammten. 906 wurde Hitto, der zuvor als Priester und Seelsorger tätig war, Mönch in St.Gallen. «Abt Salomo wusste wohl, dass Hitto es im Kloster nicht aushalten würde und stellte ihm sein Häuschen in St.Mangen zur Verfügung», so Peter Erhart. Hitto wirkte als Kustos von St. Mangen – ganz in der Nähe seiner Schwester. Anschaulich zeigt das Stiftsarchiv ein Modell von Wiboradas Zelle, das in Rufweite zu Hittos Haus lag.«Wiborada war nie allein – ausser in den letzten drei Tagen ihres Lebens»
Begleitet von Rachilt, unterstützt von Hitto, in einer Zelle, die strategisch günstig an der damaligen Hauptverkehrsroute, dem Konstanzer Weg, lag: «Wiborada war nie allein», fasst Peter Erhart zusammen, «ausser die letzten drei Tage ihres Lebens». Von Wiborada vor dem bevorstehenden Einfall der Ungarn gewarnt, brachten sich im Jahr 926 Rachilt und Hitto sowie der Abt und alle Mönche des St. Galler Klosters in Sicherheit. Wiborada war die Einzige, die das Gelübde «stabilitas loci» hielt und beständig in ihrer Klause blieb, wofür sie beim Ungarneinfall mit ihrem Leben bezahlte.«Am 1. Mai wurde die Rekluse Wiberat von den Heiden erschlagen», hielten die St. Galler Mönche in ihrem Professbuch fest. «Fortan gehörte auch sie zur Gemeinschaft der Mönche», sagt Peter Erhart. Wer das Buch heute betrachtet, entdeckt rund um Wiboradas Namen ein dichtes Gedränge: Nach ihrer Heiligsprechung 1047 liessen sich Mönche sowie weltliche Gäste des Klosters rund um ihre Todesnotiz verewigen. «Sie suchten ganz offensichtlich die Nähe der Heiligen nicht nur an ihrem Grab, sondern auch in einem Buch, das ihr Gedächtnis sicherte und auf ihren Beistand am Tag des Jüngsten Gerichts hoffen liess», so Peter Erhart. Das Buch wurde damit zur Reliquie – und kann ebenfalls in der aktuellen Ausstellung angesehen werden.
Ausstellung «Vviberat & Rachilt – Erste Spuren»
«Vviberat & Rachilt – Erste Spuren» ist vom 27. Februar 2026 bis 23. Februar 2027 im Ausstellungssaal des Stiftsarchiv zu sehen. Neben den beiden Reklusen werden auch gemeinschaftliche Lebensweisen beleuchtet, in denen Frauen ihren Alltag religiös gestalteten. Daraus entwickelten sich oftmals blühende Frauenklöster, welche in der Ostschweiz in enger Beziehung zur Fürstabtei St. Gallen standen.Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag 10–17 Uhr
(Juli bis September: Montag bis Sonntag 10–18 Uhr)
20. April, 9. bis 23. November und 24./25. Dezember 2026 geschlossen



